Rund 40 Kilometer Luftlinie liegen zwischen den beiden Städten Cardiff und Bristol. Dennoch zwei unterschiedliche Nationen. Waliser und Briten. Zwei Flughäfen und dennoch kaum Direktflüge vom Festland. Zwei Stunden Fahrt von London, und schon ist man mitten in der City. Cardiff, die Hauptstadt von Wales, dem Imperium östlich von Irland und westlich von Britannien gelegen, verkörpert eine Metropole der Superlative.
Cardiff
Mitten in der Stadt thront das Millennium Stadion. 1999 erbaut, 74’500 Sitzplätze und Heimatstadium der erfolgreichen Dragons, der Walisischen Rugby-Union-Nationalmannschaft oder kurz WRU. 180 Vollzeitmitarbeiter hätscheln und tätscheln das Ehrenmal. Sie bereiten den Rasen darauf vor, harten Gangarten der dickhäutigen Jungs standhalten zu können. Denn der Rasen ist das letzte, was Rugby Spieler bei ihrem Einsatz zu schonen gedenken. Da geht es zu wie bei Machtkämpfen der Walisischen Fürstenhäuser; ob untereinander oder gegen die Engländer, welche Ende des 11. Jahrhunderts mit der Eroberung von Wales begonnen haben. Die Waliser hatten schon immer den Ruf knallharte Gefährten zu sein - was sie heute noch in den Rugby Stadien der Welt zu beweisen wissen.
Das Cardiff Castle ist nicht nur einen Besuch wert, sondern ein Muss, wenn man die Stadt besucht. Die mittelalterliche Burg mutierte über Generationen zum neugotischen Herrenhaus viktorianischer Architektur. Die Anlage befindet sich innerhalb eines Römerkastells im Zentrum der walisischen Hauptstadt. Bis in die 1930er Jahre diente das Herrenhaus als Wohnsitz der Familie Bute. Der Reichtum des 5. Marquess of Bute muss unermesslich gewesen sein. Sein Einfluss auf alle Arten der damaligen Wirtschaft war grenzenlos. So schenkte er zum Beispiel nach der Verstaatlichung des Kohlebergbaus 1947 den Besitz der Stadt. Die vielseitigen Inneneinrichtungen sind frisch renoviert und zeigen auf, wie feudal die Butes residiert haben – und sich an den Schönheiten der Kunst erfreuen konnten. Eine Führung dauert eine gute Stunde und ergibt einen abgerundeten Einblick in die Lebensgewohnheiten der letzten Bewohner der Schlossanlage.
Rund 20 Auto-Minuten außerhalb des Stadtzentrums liegt das Freilichtmuseum St. Fagans. Es erzählt die Geschichte und Lebensweise des walisischen Volkes, deren Arbeitsalltag und Freizeit. Über 40 originale Gebäude wurden Stein für Stein aus verschiedenen Gegenden Wales’ ins National Museum verlegt. So sieht man eine kleine Poststelle, eine Reihenhaussiedlung der Stahlarbeiter, eine Schule und Wohngebäude verschiedener Epochen. Auch sogenannte „Longhouses“, wo die Stallungen und der Wohntrakt im selben Gebäude einander gegenüber gebaut wurden. So konnten die wertvollen Tiere von den Annehmlichkeiten der Menschen profitieren und umgekehrt. Übrigens versuchen die Museumspädagogen auch mit den entsprechenden Düften den Besuchern nahe zu bringen, unter welchen Umständen die Waliser jahrhundertelang leben mussten. In den diversen Werkstätten des Museums zeigen Handwerker wie Schmiede und Holzschuhmacher ihre Kunst. Der Dorfladen beeindruckt durch die klare Identität und die vielen Eigenproduktionen vergangener und heutiger Zeit. Am besten plant man einen halben oder gar einen ganzen Tag für die Erkundung des eindrücklichen Freilandmuseums ein. Der Eintritt ist kostenlos. Am sogenannten Mermaid Quay liegt das Welsh Millennium Center. Diese Herberge multikultureller Anlässe ist ein Prachtstück gelungener Architektur. Das Design verdanken wir Percy Thomas, welchem es gelungen ist, den Standort, die Kultur und die Materialien von Wales in seinen Bau zu implementieren. Schiff, Holz, Stein, Glas, Metall und das Meer fügen sich in Symbiose ineinander. Das Areal misst sagenhafte 1.9 Hektaren und wurde 2009 dem Publikum übergeben. Das grosse Donald Gordon Theater fasst 1897 Personen, und alle Besucher geniessen darin eine hervorragende Akustik. Wenn ein Theater Komplex wie dieser entsteht, dann kann man von einer technischen Revolution sprechen. So befinden sich nicht nur die Bühne und die LKW-Rampe auf demselben Niveau, nein, auch die Probebühnen haben just dieselbe Grösse und ebenfalls eine nahezu identische Akustik. So macht Proben Spass und ein voller Saal wird erst noch simuliert. Opern, Theater, Konzerte, Ballett, Lesungen, Kunstperformance und so weiter finden in den heiligen Hallen des Zentrums statt. Direkt neben dem Gebäude befindet sich das „Meerjungfrauen“ Pier. Das alte Hafenbecken ist ein Treffpunkt zum Bummeln und Verweilen. Bars, Pups, Restaurants und Kaffees reihen sich aneinander. Die Stimmung ist bezaubernd. Der Blick auf das grossen Hafenbecken, die alten Docks, die Norwegische Seefahrerkapelle und so weiter verzaubern einem und versetzten uns in eine längst vergangene Zeit.
Geprägt wird die Fussgängerzone von Cardiff durch unzählige Arkaden. Diese werden in die neuen und alten unterteilt. Die modernen Arkaden sind in Wirklichkeit zeitgemässe Shoppingmeilen, wo man bis zur Bewusstlosigkeit einkaufen kann. Das ist sehr wichtig, denn das Wetter ist auch in Wales echt britisch. So kann man bedenkenlos behaupten, dass an einem halben Tag vom Hagelschauer, zum Tropenregen bis zur grellen Sonne oder Sturmböen über die City fegen können. Also macht Einkaufen in geschützten Arkaden Sinn. Die Grösste der Neuen ist die St David’s. Die alten Arkaden laufen meist quer und treffen so alle paar Meter auf die Westseite der Shopping Mall. Der Cardiff Central Marked in der Old Arcade ist ein Muss. Nebst unzähligen Gerüchen feinster Leckereien findet man auch Nonfood Shops mit alten Schallplatten, Büchern oder allerlei Krimskrams. Alles ist leicht zu Fuss erreichbar, sofern man eine Unterkunft in der Umgebung der Fussgängerzone bucht. Alle gängigen Hotelketten sind vor Ort vertreten. Inzwischen ist der Englische Koch Jamie Oliver fast so bekannt wie McDonalds. In jeder richtigen Stadt sind seine Restaurantableger. So finden wir auch in Cardiff Jamie’s Italien an der Westseite der St Davids Arkade. Es ist kein Gourmet Tempel wie ihn Michelin oder Gault-Millau Restaurants verkörpern, sondern ein Ort, wo sich Jung und Alt für rund 60 Euros pro Person an frischen, wohl schmeckenden Variationen erfreuen können. Wir haben hervorragend gegessen und würden sofort wieder dort speisen. Das Konzept des Starkochs sind frische Zutaten, traditionsreiche Speisen und eine ausgefeilte aber simple Zubereitung. Überhaupt haben wir auf unserer Reise recht gut gegessen. Ausser dem Frühstück, welches immer noch sehr eigen ist, vor allem die Zubereitung mit viel Fett und das Frittieren, sind uns nicht sehr gut bekommen.
Tintern Abbey
Fährt man eine knappe Stunde Richtung Norden trifft man in einem idyllischen Tal auf Tintern Abbey. Das Kloster wurde 1131 gegründet und 1901 von der Britischen Krone gekauft. Somit wurde sicher gestellt, dass die altehrwürdigen Ruinen in Stand gestellt und erhalten werden. Die Klosteranlage grenzt an den Fluss Wye im gleichnamigen pittoresken Tal. Die Abtei wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder der Zeit angepasst oder an-, respektive umgebaut. So wurde am Schluss ihres aktiven Daseins dem Abt eigens ein Haus mit Umschwung errichtet – nur einen Steinwurf von den Hauptgebäuden entfernt. Erwähnenswert ist zudem, dass das ganze Kloster über ein Abwassersystem verfügte, welches Küchenabwasser und Fäkalien in den Fluss Wye leitete. Der Besuch bezaubert einem unter anderem durch die Vielseitigkeit und Komplexität der Gebäude. Deren Verwendungszweck stellte den Mönchsalltags sicher, welcher im Sommer von halb zwei morgens bis viertel nach acht abends einen festen Ablauf vorsah.
Weiter nach Bristol
Die 1597 Meter lange Severn Bridge verbindet Wales und England. Sie wurde 1966 eröffnet, führt über den Bristolkanal und befördert zu Stosszeiten bis zu 50'000 Fahrzeuge täglich. Die längste Stützweite dieser imposanten Hängebrücke misst fast einen Kilometer. Wow. Knapp eine Stunde Fahrzeit, und unser neues Ziel Bristol ist erreicht. Sofort fällt uns auf, dass der Verkehr in der 432'000 Einwohner zählenden Stadt am Fluss Avon extrem präsent ist. Im Gegensatz zu Cardiff ist hier alles hügelig. Dementsprechend ist es hier schwieriger, alle Sehenswürdigkeiten oder versteckten Paradiese zu Fuss zu erreichen. Also macht hier ein City Sightseeing Bus Sinn, in welchem man unter kundiger Führung eine 75 minütige Rundfahrt durch die sechstgrösste Stadt Englands geniessen kann. Dank dem hop off hop on System kann man an jedem Stopp den Bus verlassen, die Umgebung erkunden und beim nächsten wieder „aufspringen“. Cool. Den Halt Suspension Bridge sollte man wahrnehmen. Im Avon Gorge Hotel hat man einen fantastischen Blick auf die klassische Kettenbrücke Clifton Suspension Bridge, welche 1864 eröffnete wurde und heute noch dem Privatverkehr bis 4 Tonnen Gewicht offen steht. Im Bridge Café oder der White Lion Bar des Hotels werden den Gästen je nach Tageszeit viele Köstlichkeiten angeboten. Nach erfolgter Rundreise durch Bristol und seine Sehenswürdigkeiten, macht man sich Notizen, was man alles während den kommenden Tagen erleben möchte: Der Besuch des Bristollido ist eine Empfehlung wert. Bereits 1849 wurde das Lido eröffnet und ist somit eines der wenigen Lidos, welches in England überlebt hat. Nach einer umfassenden Renovierung wurde das Bad 2008 wiedereröffnet und strahlt in neuem Glanz und alter Tradition. Das Schwimmbecken ist 24 Meter lang und wird auf Schwimmtemperatur von rund 22 Grad geheizt. Da das Pool nur 1.2 Meter tief ist, verbraucht es auch nicht Unmengen Energie für dessen gleichbleibende Temperatur. Schnell gewöhnt sich der Körper an das im März noch sehr erfrischende Wasser, und das Schwimmen bereitet richtig Freude. Sobald man eher gemütlich in warmem Wasser die frische Luft einatmen möchte, zieht man sich ins Whirlpool zurück. Der Blick über das Becken, die Schwimmer und die 11 Aussenkabinen versetzen einem ein Jahrhundert zurück. Himmlisch. Nach dem erfrischenden Bad stehen eine kleine Sauna und Dampfbad dem Besucher zur Verfügung. Britisch werden die beiden Räume mit Textil betreten, ohne Badetuch und mit lautstarkem Gerede. Ausreichend Duschen sind draussen und drinnen vorhanden, zudem ein Spa Tea Room und für die Damen der Schöpfung ein Boudoir mit Haartrockner und Schminktisch. Nach dem Bad das Essen im Restaurant mit Blick auf das Lido. Die Stimmung ist hervorragend. Der Appetit nach dem Bad ebenso. Das Menü als Paket zusammen mit dem „Swim“ war spitze. Die Bedienung sehr freundlich und aufmerksam. Die Komposition abwechslungsreich und auf den Punkt gegart. Ein MUSS bei jedem Bristol Besuch.
Im Hafenbecken von Bristol thront die SS Great Britain, eines der meist historischen Schiffe der Welt. Sie wurde 1843 just an der Stelle erbaut, wo Sie jetzt ihre Ruhestätte gefunden hat. Ruhestätte - nein, denn so viel Besucher wie jetzt hatte sie während ihrer ganzen aktiven Zeit nie. Dank dem riesigen Stahlrumpf war sie zu ihrer Zeit das stärkste Schiff das jemals gebaut wurde. Ihr erfolgreicher Erbauer Brunel schuf den 3679 Tonnen schweren Ozeanriesen als Dampfschiff mit Propellerantrieb und als Segelschiff. 1845 bewältigte sie ihre erste Atlantiküberquerung von Liverpool nach New York in 14 Tagen und 21 Stunden. Später transportierte der Stahlriese Emigranten nach Australien, Truppen in den Krimkrieg, Passagiere als Windjammer unter Segeln nach San Franzisco, Truppen und Gerät als Kriegsschiff im 2. Weltkrieg - bis sie 1937 vor den Falklandinseln auf Grund gelaufen ist. Dort rostete sie vor sich hin, bis sie 1970 endlich wieder im heimischen Trockendock ihres Erbauers auf die Renovation als Museum hoffen durfte. Dies ist gelungen, und eindrücklich wird den Besuchern vor Augen geführt, wie sich die Passagiere der drei Klassen an Bord gefühlt haben mussten. Ein paar Schritte zurück und man befindet sich am Kai der Bristol Packet Boat Company. Diese führt diverse Hafenrundfahrten auf fünf verschiedenen Schiffen durch. Von der 1920 erbauten Tower Belle bis zum topmodernen Wasserstoff angetrieben Tour Boot – alle stehen für kurze als auch lange Fahrten um Haven und auf dem Avon für Passagiere jeden Alters bereit. Ahoi.
Auch in Bristol ist Shopping möglich. Zum einen gibt es den St Nicholas Market mitten im Zentrum. Er eignet sich speziell, um schnell seinen Hunger zu stillen oder genau das anzutreffen, was man nicht erwartet hat. In unserem Fall den Laden Psycho Juice, welcher die schärfsten Chili-Saucen im Land anbietet. Dagegen erscheint Tabasco wie Buttermilch. Im nordöstlichen Teil der Stadt liegt das riesige Einkaufszentrum Cabot Circus. Essen, Kinos, Boutiquen und Warenhäuser reihen sich auf und verzaubern dank der raffinierten Architektur. Es ist direkt mit dem Galleries Shopping Center verbunden, welches älter ist und eher die günstigen Labels beherbergt.
Den typisch britischen Afternoon Tea sollte man unbedingt im Hotel du Vin einnehmen. Die zentral gelegene Gaststätte hat eine einladende Bar und ein Café, wo der traditionelle Afternoon Tea auch zelebriert wird. Die charakteristische Version ohne Alkohol beinhaltet eine Etagère mit herzhaften und süssen Köstlichkeiten. Unter den kleinen Kanapees dürfen Gurkensandwiches auf keinen Fall fehlen. Auch sind Erdbeerkonfitüre ebenso mit an Bord wie die Clotted Cream oder Streichrahm mit mindestens 55% Fettgehalt. Schmeckt himmlisch. Auch die Zimmer sind sehr gross und angenehm gestaltet. Achtung: Nach dieser ausgiebigen „Jausse“ kann man erst wieder spät abends nach einem geeigneten Ort für das Nachtessen Ausschau halten. Wir haben uns für das Glassboat entschieden. Das schwimmende Restaurant liegt zentral und ist auf einem alten Kies-Kahn errichtet worden. Den riesigen Glasfronten verdankt das Restaurant seinen Namen. Das Essen hat uns total überrascht. Zum Ersten, weil wir nur dort Portionen erhalten haben, welche auf einen französischen Küchenchef schliessen liessen, und zweitens waren wir ob der Qualität enorm überrascht. Das Essen hatte nichts mit dem schlechten Renommée der Englischen Küche zu tun. Im Gegenteil. Hier ist sich der Chef seines Könnens bewusst und zeigt, was er ein Frankreich alles gelernt hat. Prima.
In Bristol gibt es wirklich noch viel zu erleben und zu sehen: Die Centre Promenade, das Aquarium, die Mud Dock Cycle Work, das M-Shed Museum, die Bristol Cathedral, der Zoo die Universität... Jeder besucht das, was ihm am meisten Spass macht und die Ferien zum Abenteuer werden lassen.
Die beiden Städte sind so verschieden, wie man es sich kaum vorstellen kann. Beachten Sie, dass auch Hotels grosser bekannter Ketten oft ins Alter gekommen sind und trotzdem mit Sternen ihre Pforten zieren, obwohl diese besser im derben Wetter der Jahre abgefallen wären. Es macht Sinn, die Reise gut zu planen und sich dann in den Bann britischer Gastfreundschaft ziehen zu lassen.





